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Interview: Monika Stocker zu Dorothee von Flüe

Monika Stocker, ehemalige Vorsteherin des Sozialdepartements Zürich, hat ihre liebe Mühe mit Dorothee von Flüe, der Frau des Heiligen Bruder Klaus. Gern wüsste sie, ob Dorothee von Flüe nicht doch manchmal still vor sich hin geflucht hat. Stocker kommt mit ihr in einen fiktiven Dialog, nachzulesen im Gedenkband "Mystiker, Mittler, Mensch".

Sylvia Stam, kath.ch

Sie haben Ihre liebe Mühe mit Dorothee von Flüe. Warum?

Monika Stocker: Da wird eine Frau beschrieben, die zehn Kinder hat und ihren Mann ziehen lässt, also eine wirtschaftliche Unsicherheit in Kauf nimmt. Diese Frauenrolle geht mir völlig gegen den Strich! Da bin ich zu sehr Sozialarbeiterin und frage: "Gaht's no?"

Und diese Frage würden Sie Dorothee von Flüe gern stellen.

Stocker: Ja, ich komme in Dialog mit ihr und kämpfe ein wenig mit ihr: War sie wirklich einverstanden damit? Wohin ging sie mit ihrem Zorn, falls sie solchen verspürte?  Selbst wenn sie eine ganz fromme Frau war: Mit zehn Kindern alleine gelassen zu werden, ist ein Skandal, damals wie heute.

Dennoch bewundern Sie Dorothee von Flüe, wenn auch "wider Willen".

Stocker: Absolut! Dorothee von Flüe hat die Situation offenbar gemeistert. Keines der Kinder ist gestorben oder wurde als Verdingkind weggegeben. Das muss eine absolute Top-Frau gewesen sein! Ich habe grosse Hochachtung vor Frauen, die mit solchen Lebenssituationen zurechtkommen! Ich würde das nicht schaffen!

Waren Sie als Sozialarbeiterin mit vergleichbaren Situationen konfrontiert?

Stocker: Oh ja, Ähnliches gibt es auch heute noch: Der Mann muss nach Singapur, an diese Konferenz, an jenes Meeting. Und die Frau sagt sich: "Er muss das für seine berufliche Karriere, die ja auch der Familie zugutekommt." Andererseits fragt sie sich: "Und ich? Ich habe Kinder zu Hause, habe auch noch berufliche Pläne."

Und Dorothee von Flüe war Ihrer Meinung nach auch so ambivalent?

Stocker: Diese Ambivalenz hat wohl auch Dorothee von Flüe gespürt. Sie hat gemerkt, dass da wirklich etwas Überirdisches ist. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sie ab und zu still vor sich hin geflucht hat. Und er ging ja nicht nach Singapur, sondern gleichsam um die Ecke! Das ist doch noch schwieriger!

Niklaus von Flüe wurde aber nicht von einer Firma irgendwohin gerufen, sondern von Gott.

Stocker:  Wenn wir sagen, er sei zu Höherem berufen, dann steckt darin eine Wertung. Niklaus von Flüe hätte die schweizerischen Entwicklungen auch beraten können, wenn er in der Familie geblieben wäre. Männer haben manchmal die Fantasie, dass sie etwas ganz Exklusives leben müssen, damit sie sich auf eine bestimmte Sache konzentrieren können. Ich glaube, das Leben selbst muss eigentlich diese Sache sein, der ganz normale Alltag.

Er musste sich aus dem Alltag herausnehmen, um Zeit fürs Gebet zu haben. Dadurch kam er zu weisen Einsichten.

Stocker: Und was macht eine Hausfrau mit zehn Kindern? Sie lebt doch auch eine Spiritualität, vielleicht beim Kartoffelschälen. Auch Bauernfrauen, die Kinder betreuen und auf dem Hof arbeiten, haben oft eine tiefe Spiritualität, sonst könnten sie das gar nicht bewältigen. Ich glaube, wir müssen lernen, das ganz normale Leben als Besonderheit anzuschauen.

Sie plädieren für eine Spiritualität im Alltag.

Stocker: Ja! Ich möchte nicht sagen, das eine sei wichtiger als das andere. Er sagt, er müsse weggehen, damit er als Eremit leben kann. Und sie blieb zurück und lebte ihre Spiritualität auch, glaube ich. Bei ihr sind Alltag und Lebenssinn ganz eng verknüpft, sonst hält man das nicht aus.

Könnte Dorothees Einwilligung auch ein Akt der Liebe gewesen sein, wie Klara Obermüller das sieht?

Stocker: Ich habe immer etwas Mühe mit Liebe und Selbstlosigkeit. Es heisst: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Die Eigenliebe ist absolut wichtig, aber sie ist etwas verpönt, vor allem, wenn Frauen sie leben.

Wenn das wirklich ein so bewusstes Ja war, dann muss sie eine sehr starke Frau gewesen sein. Nur wer sehr selbstbewusst ist, kann sich frei entscheiden.

Fänden Sie es richtig, wenn Dorothee heiliggesprochen würde?

Stocker: (seufzt) Ich weiss nicht, ob sie das gewollt hätte. Man soll sie achten und wertschätzen. Ob das gleich eine Heiligsprechung sein muss? Man sollte mehr über sie reden und darüber, was sie für ein Leben geführt hat.

Sie sind Präsidentin des Christlichen Friedensdienstes. Was bedeutet Ihnen Religion?

Stocker: Religion ist für mich wichtig. Ich bin als Katholikin in Aarau in der Diaspora aufgewachsen. Dabei habe ich gelernt, dass man seine eigene Meinung sagen muss. Die Prozession an Fronleichnam war wie eine Demonstration. Das hatte etwas Widerständiges. Es wurde auch immer kommentiert, dass wir an katholischen Feiertagen frei hatten.  

In den Frauen- und Friedensbewegungen habe ich die Kirche immer auch als oppositionelle, revolutionäre Kraft erlebt. Das ist für mich so geblieben. Auch als Feministin bin ich nicht aus der Kirche ausgetreten, vielmehr habe ich gesagt: "Ihr müsst mit mir rechnen!"

Was für einen Bezug haben Sie persönlich zu Niklaus von Flüe?

Stocker: Er ist mir fremd. Dass wir ihn als Friedensstifter sehen können, gefällt mir, weil wir solche Leute brauchen. Aber ich habe keine enge Beziehung zu ihm. Und wenn ich das Lied "Mein Herr und mein Gott" höre, dieses "So nimm mich mir", dann frage ich mich: "Meinen wir das wirklich?" So fromm bin ich dann doch nicht…

Monika Stocker (*1948) studierte Sozialwissenschaften an der Universität Freiburg. Sie war von 1987 bis 1990 Nationalrätin (Grüne, ZH), von 1994 bis 2008 Zürcher Stadträtin und Vorsteherin des Sozialdepartements. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Seit ihrer Pensionierung engagiert sie sich in verschiedenen Projekten, etwa als Co-Leiterin der Zeitschrift "Neue Wege" und Präsidentin des Christlichen Friedensdienstes.

Stockers Beitrag "…da kam mir schon immer die Galle hoch" über Dorothee von Flüe erschien in der Gedenkpublikation zum 600-Jahr-Jubiläum: "Mystiker Mittler Mensch", Theologischer Verlag Zürich, 2017.