Bistum Basel

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Christsein heute - Kirche wohin

«Grosse Schwester, lass dich nicht länger lähmen, wach auf, lebe den Glauben in Freiheit!»

Gut 300 Leute strömten zum Podiumsgespräch mit Jesuitengeneral Arturo Sosa an der Universität Zürich. Er traf am zweiten Tag seines Schweiz-Besuchs mit fünf Persönlickeiten der Schweizer Kirchen und Medien zusammen. Was sind die Antworten auf die Herausforderungen der Kirche in der heutigen Zeit? Was bedeutet es heute, Christ zu sein und welche Zukunft bietet sich den jungen Gläubigen?

Freitagabend, 20.9.2019: Eröffnet wurde das Podium «Christsein heute – Kirche wohin» durch Pater Provinzial Christian Rutishauser, der in seiner Einleitung die universale und globale Sendung der Jesuiten unterstrich, die sich im Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit heute mehr denn je in einem interkulturellen und interreligiösen Umfeld bewegen. Damit wurden auch gleich Eckpfeiler des Abends eingeschlagen, nämlich die Situation der universalen Kirche einerseits und der Lage der lokalen Kirche andererseits.

Judith Wipfler vom Schweizer Radio SRF 2 führte als Moderatorin die sechs Podiumsteilnehmenden gekonnt und mit viel Wissen durch den Abend und lud sie zu Beginn zu einem Eröffnungsstatement ein.

Barbara Hallensleben von der Universität Fribourg stellte ganz ignatianisch drei Thesen auf, die für sie die heutige Situation ausmachen: Kirche sei erstens nicht neu zu erfinden, sondern neu zu entdecken. Zweitens erfordere das universale Evangelium eine je eigene lokale Inkulturation und drittens werde Kirche heute vor allem ökumenisch gelebt, was sich in der vielfachen Zusammenarbeit und im Zusammenleben zeige.

Bischof Felix Gmür vom Bistum Basel unterstrich, dass die Kirche in der Schweiz sehr vielfältig sei. Der Einfluss auf die Gesellschaft und die Individuen sei angesichts von Missbrauchsskandalen und einer immer grösseren Unabhängigkeit der Gläubigen zwar weiter am Schwinden, aber die Solidarität der Schweizer Gläubigen, gerade mit den Ärmsten, sei ungebrochen. Ein wichtiges Feld für Reformen sieht Bischof Gmür bei der Frage nach Gerechtigkeit innerhalb der Kirche.

Für Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ), ist das einst stabile und konstruktive Verhältnis von Staat und Kirche nicht nur durch die äussere Säkularisation der Gesellschaft unter Druck geraten, sondern stehe durch die Missbrauchsskandale auch innerkirchlich immer mehr in der Kritik. Während in der Deutschschweiz dank aktuell guter Finanzen immer noch Strukturen erhalten würden, gelte in der welschen Schweiz dagegen schon jetzt die Devise «faire mieux avec moins – besser arbeiten mit weniger». In Anlehnung an Bischof Gmür sieht auch er die Gerechtigkeit innerhalb der Kirche als grosses Thema. Ohne Gleichberechtigung, Demokratie und die Respektierung der Menschenrechte könne die Kirche so nicht weitermachen.

Pfarrer Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), prägte die einfache und prägnante Formel von der mangelnden Auftragstreue. Erster Auftrag der Kirche sei die Verkündigung des Evangeliums nach Matthäus Kapitel 28. Leider würden wir vieles tun, was zwar schön sei, aber eigentlich nicht zu unserem Kernauftrag der Evangelisierung in Wort und Tat gehört. Gleichzeitig gebe es viele junge und alte Menschen, die sich dafür einsetzten und denen wir eine Stimme und die Gelegenheit zur Verkündigung geben müssten.

Daniel Foppa schliesslich, Leiter Inlandredaktion Tamedia, outete sich als begeisterter Katholik, der sich daher umso betrübter angesichts der offensichtlichen Reformunfähigkeit der Katholischen Kirche zeigte. Dies sei mit ein Grund, warum so viele Leute sich von der Kirche abwendeten und weswegen auch viel Basiswissen um Religion und Kirche verloren gingen. Er forderte eine Öffnung der Kirche und appelierte an die Jesuiten, bei dieser Öffnung mitzuarbeiten.

Mit einem grösseren Beitrag meldete sich Jesuitengeneral Arturo Sosa zu Wort. Anhand einer Präsentation zeigte er auf, wohin die Herausforderungen der Kirche uns führen könnten. Zunächst betonte er die Wichtigkeit und Notwendigkeit der aufgeworfenen Fragen. Und gleichzeitig betonte er, dass vieles nicht durch reine Diskussionen gelöst werden könne. Was es brauche, sei Weisheit – nicht im intellektuellen, sondern im biblischen Sinn: ein Abwägen, das die Vergangenheit und die Arbeit unserer Vorgänger reflektiert, das sich aber auch auf die Zukunft einlässt, anpasst, erneuert und dem Heiligen Geist den nötigen Raum gibt. Als gutes Beispiel nannte er das Zweite Vatikanische Konzil, das nicht nur eine inspirierende Etappe der Kirchengeschichte sei, sondern in vielem erst noch entdeckt und umgesetzt werden müsse, gerade in der Synodalität.

Die heutigen Herausforderungen seien vielfältig und tatsächlich bedrohend: Zerstörung der Umwelt, Ungleichheit der Ressourcen, Missachtung von Menschenrechten und Demokratie und der fehlende Wille für das Allgemeinwohl von populistischen und nationalistischen Regierungen. Einerseits leisteten die Jesuiten im Einsatz für Glauben, Gerechtigkeit, Bildung und in der Hilfe für Migrantinnen und Migranten und sozial Benachteiligten einen direkten Beitrag für die Linderung des Elends. Andererseits lieferten sie mit der intellektuellen Analyse der Ursachen auch neue Lösungsmodelle. Zur Säkularisierung und dem schwindenden Einfluss der Kirche meinte Pater Sosa, man könne dieser Entwicklung entweder mit Angst begegnen oder sie als Chance begreifen, den Menschen von neuem und mit neuen Mitteln das Evangelium nahe zu bringen. Eine freie Gesellschaft profitiere stark von der erneuerten Verkündigung des Glaubens, der sich fragt, was Gottes Wille heute ist. 

Die anschliessende Fragerunde aus erfreulich zahlreichen Publikum zeigte das grosse Interesse an den Fragen und Herausforderungen der Zeit. Die Gleichberechtigung der Frau in der Kirche, antwortete Pater Sosa, müsse Gelegenheit sein, Hierarchie grundsätzlich neu zu denken, ansonsten der Klerikalismus einfach um eine Dimension erweitert würde. In der Armutsbekämpfung müsste die Kirche besser mit anderen zusammenarbeiten und Kräfte bündeln. Bischof Gmür erinnerte daran, dass es neben Matthäus 28 auch das 25. Kapitel gebe, das die barmherzigen Werke betone. Dies sei die Verkündigung in Wort und Tat. Nach den Schlussvoten der Podiumsteilnehmer richtete Gottfried Locher nochmals einen Appell an die «grosse liebe Schwester», sich nicht mehr länger von ihren eigenen Schwierigkeiten lähmen zu lassen, sondern aufzuwachen und den Glauben in Freiheit zu leben. 

Mathias Werfeli, SJ

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