Bistum Basel

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Heilige Öle für die heiligen Räume der Beziehungen

Liebe Schwestern, liebe Brüder

Das Christentum ist keine Buchreligion. Wir glauben nicht an Bücher, auch wenn sie noch so heilig sind. Wir glauben an eine Person. Man könnte sagen, wir sind eine „Person-Religion“. Deshalb heisst es im letzten Abschnitt des Evangeliums (Lk 4,16–21): „Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet“ - auf Jesus, auf Christus.

Christus ist das Zentrum unseres Glaubens.

Christus selbst ist es, der die Menschen salbt, für die das Öl an der heutigen Chrisam-Messe geweiht wird. Kein Buch, kein Priester - Christus selbst! Man könnte sagen, Gott setzt alles auf diese Person. Er setzt auf Personen. Er setzt auf Menschen. David wollte einen Tempel bauen für die Bundeslade, aber Gott verwehrte es ihm durch den Propheten Nathan: „Nein, baue keinen Tempel für die Lade, denn deine Nachkommen - Menschen aus Fleisch und Blut - sind Tempel Gottes. Ebenso betonte Paulus, dass Gottes Verheissung für Abraham in der Nachkommenschaft liege - im Menschen.

Gottes Tempel sind Menschen, Personen.

Wer gesalbt wird, dem und der tritt man ganz nahe. Es gibt eine Berührung und nachher geht derjenige der salbt wieder einen Schritt zurück. Man könnte sagen, dass die Person, die gesgesalbt wird - ein Täufling, Firmling, ein kranker Mensch - von einer Aura des Heiligen umgeben ist. Diese Personen haben eine gewisse Intimität, einen Schutzraum um sich. Sie stehen auf einem geschützten Boden. Als Moses sich dem Dornbusch nähert, sagt Gott zu ihm: „Halt ein, zieh Deine Schuhe aus, das ist heiliger Boden!“ Jede Beziehung, die wir zu einem Menschen aufnehmen, ist eine Beziehung, die in eine Art Schutzraum eindringt und deswegen mit Bedacht angegangen werden soll. Jede Salbung mit heiligem Oel geschieht mit Bedacht.

Durch die Salbung eröffnet sich ein heiliger Raum.

Dasss dieser Raum geschützt werden will und heilig ist, betont Gott, wenn er Mose nach Betreten des Heiligen Bodens sagt: „Jetzt gehe!“ Die Person, die gesalbt wurde, ist gesalbt mit Heiligem Geist, mit Gottes Kraft. Jede Beziehung der Kirche - der Glaubenden zu Menschen - betritt sozusagen heiligen Boden. Auch die Beziehungen der Menschen untereinander ereigenen sich auf heiligem Boden. Wie Moses ziehen deswegen auch die Gläubigen, die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die Bischöfe, der Papst, die Schuhe aus und nehmen wahr, was da ist. Es ist interessant, dass das Apostolische Schreiben „Amoris laetitia“ so vorgeht:

Die Kirche nimmt zuerst wahr, was heilig ist oder heilig sein kann. Sie möchte den intimen Raum einer Beziehung - wie auch immer dieser gestaltet ist - zuerst wahrnehmen und schützen.

Das ist wahrscheinlich etwas Neues in der Seelsorge unserer Kirche. Die Kirche nimmt wahr und begleitet. Sie nimmt das Heilige wahr, aber sie spricht nicht einfach jede Beziehung heilig. Sondern, während sie begleitet, spürt sie, spüren die Seelsorgerinnen und Seelsorger im Austausch, im Dialog, im Unterscheiden, im Differenzieren, im Diskutieren, was vielleicht noch heiliger werden könnte - wo eine Beziehung tragfähiger, bleibender, schöner, geistlicher werden und mehr ausstrahlen kann. Die Kirche begleitet, unterscheidet und will integrieren.

Beziehungen leben ja nicht nur für sich selber, sondern sie wollen weitergegeben werden.
Deswegen ist in der ersten Lesung (2 Sam 7,4–5a.12–14a.16) und in der zweiten Lesung (Röm 4,13.16–18.22) die Rede von Nachkommenschaft. Beziehungen sollen ausstrahlen.

Und damit sie ausstrahlen, damit heiliger Boden wächst, salbt die Kirche ihre Gläubigen.

Bei der Taufe treten wir heran, salben und gehen wieder weg und sagen: „Jetzt gehe Du! Du bist ausgestattet mit der Kraft des Heiligen Geistes.“ Bei der Firmung geschieht dasselbe. Bei der Weihe, bei der die Kandidaten ebenfalls mit Chrisam gesalbt werden, treten wir heran und gehen wieder weg und sagen: „Jetzt gehe Du, Du bist ausgesandt, die Kraft des Heiligen Geistes den Menschen zu bringen." Und wenn der Altar gesalbt wird als Zeichen, dass Christus die Mitte der Kirche ist, treten wir heran, salben, gehen wieder weg und lassen heiligen Raum offen, damit die Menschen herantreten, Tod und Auferstehung Jesu Christi mitfeiern, Kraft schöpfen und leben können.

Heute wird Öl geweiht, damit wir Gläubige wahrhaft auf heiligem Boden leben können: achtsam, wahrnehmend, Nähe und Distanz wahrend, integrierend, damit wir spüren, dass wir in Jesus Christus eine einzige Nachkommenschaft sind – eine Familie Gottes.

Gelobt sei Jesus Christus.

Felix Gmür, Bischof von Basel

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