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Neue Einheitsübersetzung als Lektionar

Am ersten Adventssonntag beginnt in der Römisch-Katholischen Kirche des deutschsprachigen Raums ein neuer Abschnitt. Wer zu Beginn des neuen Kirchenjahrs (Lesejahr C) den Gottesdienst besucht, wird Zeuge der neuen Einheitsübersetzung[1] (EÜ 2016) in der Liturgie. Zwar ist die frühere Einheitsübersetzung (EÜ 1980) noch erkennbar, aber es gibt deutliche Unterschiede und zahlreiche Neuformulierungen, kurz: ein gutes Deutsch bei maximaler Texttreue! Was vielen einst geläufig und vertraut war, wird jetzt unter Umständen vermisst oder erscheint fremd. In jedem Fall dürften die Mitfeiernden aufhorchen. Fragen brechen auf wie die: Warum jetzt eine neue Übersetzung? Musste es sein?

Die neue Einheitsübersetzung (EÜ) trägt der modernen Theologie Rechnung

Die frühere Einheitsübersetzung (EÜ 1980) war eine Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils und verlieh dem Wortgottesdienst vermehrte Bedeutung. Sie war das Ergebnis jahrelanger ökumenischer Kooperation zahlreicher Exegetinnen und Exegeten. Doch in den letzten 36 Jahren sind in der wissenschaftlichen Theologie grosse Fortschritte erzielt und neue Erkenntnisse gewonnen worden, deren Resultate nun in die neue EÜ 2016 eingeflossen sind. In vielen Punkten kam es zu einer präziseren, texttreueren Übersetzung. Frühere antijudaistische Tendenzen konnten vermieden werden, womit der jüdisch-christliche Dialog vermehrte Wirksamkeit erhalten hat. Das neue gendergerechte Bewusstsein, das die Frauenforschung einbrachte, zeigt sich in nicht mehr inklusiven Formulierungen, welche die Frauen einfach inkludierten. Sie sollen neu auch explizit auf der sprachlichen Ebene gleichberechtigt erwähnt werden, also etwa in der Anrede der Lesungen: „Schwestern und Brüder“ (statt: „Brüder“). Das Gottesbild zeigt in der EÜ 1980 immer noch stark maskuline Züge, eine Einseitigkeit, der neue Versuche entgegengesetzt werden. Noch weitere wissenschaftliche Errungenschaften kommen im neuen Text zum Durchbruch, welche die theologischen Diskussionen reflektieren. Zudem wird das stets sich weiterentwickelnde Sprachempfinden berücksichtigt.

Die neue Einheitsübersetzung (EÜ 2016) ist in gutem Deutsch abgefasst

Eine Bibelübersetzung darf sich nicht mit einer blossen Wort-für-Wort-Übertragung begnügen. Sie ist vielmehr einer Brücke vergleichbar, die zwei verschiedene Orte mit unterschiedlichen Eigenheiten verbindet. Im Grunde ist eine Übersetzung eine interkulturelle Leistung der Vermittlung zwischen zwei Kulturen und hier auch zwischen zwei anderen Sprachen. Orientierung für die neue Einheitsübersetzung ist nicht die lang leitende lateinische Übersetzung (sog. Vulgata), sondern der hebräische und griechische Urtext. Insbesondere müssen die sprachlichen Bilder, welche kulturspezifisch konnotiert sind, in neue Bilder transformiert werden. Damit ist eine neue Orientierung an den Leserinnen oder Lesern (bzw. an den Rezipienten) gegeben, und damit an den Hörerinnen und Hörern. Erfreulich ist, dass der neue Text in gutem Deutsch abgefasst ist und zugleich nahe am Urtext bleibt. Auch widerspenstige Texte hat man nicht geschönt oder geglättet.

Einige Anliegen der feministischen Theologie aufgegriffen

Bekanntlich grüsst der Apostel Paulus im Römerbrief Kapitel 16, Vers 7 die Apostolin Junia, die aus welchen Gründen immer in der früheren EÜ zum Apostel Junias mutierte, wie es die leitende Ausgabe von Nestle-Aland bereits enthält. Insgesamt wird man der neuen Einheitsübersetzung eine erhöhte Gendersensibilität bescheinigen. Diese zeigt sich etwa in dem Abschnitt über Maria und Martha, die auf je andere Weise Jesus begegneten. Maria hörte achtsam zu, während Martha sich um die konkreten Dinge der Gastfreundschaft kümmerte. Statt dass Maria „den besseren Teil“ erwählte, hat sie in der neuen Übersetzung 2016 „den guten Teil“ erwählt. Und von Eva wird jetzt erzählt, dass sie Adam nicht bloss „entspricht“ (Gen 2,18), sondern dass sie ihm „ebenbürtig“ ist. Diskutabel ist indessen, dass das Tetragramm (JHWH) durchgehend mit „der Herr“ übersetzt wird. Dies kommt zwar dem Judentum entgegen, das den Namen Gottes niemals ausspricht, aber es lenkt die Gottesvorstellung in eine bestimmte Richtung, was Widerstand auslösen kann.

Das neue Lektionar als Chance für vertiefte Bibelarbeit

Am ersten Adventssonntag war einst aus dem Evangelium Lk 21,34 zu hören: „Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren“. Jetzt ist zu vernehmen: „Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren“. Die Differenz zwischen „verwirren“ und „das Herz beschweren“ kann Ausgangspunkt sein für ein näheres Eintreten auf die neue EÜ 2016 im Vergleich zur früheren EÜ 1980. Übrigens hat bereits Martin Luther, der den Leuten „auf Maul schaute“, die zweite Übersetzung gewählt. Hier könnte auch die neue Lutherübersetzung von 2017 die Meditation bereichern. Wichtig ist, was der Kolosserbrief sagt: „Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch“ (Kol 3,16). Das neue „Lektionar“[2] für alle Diözesen des deutschen Sprachgebiets  für die Sonntage und Festtage im Lesejahr C ist m. E. hervorragend gestaltet. Weitere sieben Bände werden im Laufe der nächsten Jahre folgen. Verbindlich ist die EÜ 2016, sobald die Texte für alle drei Lesejahre vorliegen. Man darf auf die Reaktionen gespannt sein. Jedenfalls gibt es neu viel Stoff für eine Begegnung mit dem biblischen Text.

Stephan Leimgruber

 

[1] Die Bibel. Einheitsübersetzung Altes und Neues Testament, Freiburg i.Br. 2016, Herder Verlag, 1504 Seiten, SFR 13.90/€ 9.90. ISBN 978-3-451-36000-8.

[2]Die Feier der Heiligen Messe. Lektionar für die Bistümer des deutschen Sprachgebiets. Die Sonntage und Festtage im Lesejahr C. Verlegergemeinschaft Liturgie: Herder Freiburg / Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart / Paulus Einsiedeln / Friedrich Pustet Regensburg / St. Peter Salzburg / Veritas Linz / Wiener Dom-Verlag,  Freiburg i.Br. 2018.

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