Bistum Basel

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Sehnsucht nach einer heilen Welt

Welch ein Frieden! Wunderbar setzt die Krippe die Sehnsucht nach ihm ins Werk. Dessen Kern bildet die Intimität der heilen Familie mit Vater, Mutter, Kind. Ochs und Esel stehen für die friedliche Koexistenz von Mensch und Tier Staffage. In den gezähmten Hirten stillt die Krippe die Sehnsucht nach Einheit der gesellschaftlichen Schichten wie jene, blickt man auf die drei Könige, nach harmonischem Miteinander von Völkern und Kulturen. Noch mehr: Die heile Krippenwelt greift auf den ganzen Kosmos aus. Der Stern gibt den Blick auf den Himmel frei. Von dort ertönt der Gesang der Engel, welche die Kluft zwischen Gott und Mensch, Himmel und Erde überbrücken und das Lied von «Ehre sei Gott» und «Frieden auf Erden» anstimmen.

Die weihnächtliche Harmonie- und Friedenssehnsucht erfasst die breite Bevölkerung erst im unruhigen 19. Jahrhundert, als die Krippe so richtig populär wird. Wollte Franz von Assisi mit seiner Krippe noch die ärmlichsten Verhältnisse darstellen, in denen Gott Mensch wurde, ist sie heute ein Ausdruck der Sehnsucht nach der heilen Welt, nach Harmonie, Geborgenheit, Familienfrieden. Mit der Krippe als ästhetischer Inszenierung schreibt unsere Zeit die Romantik fort, wenigstens an Weihnachten. Es ist zum Fest unserer eigenen Sehnsüchte geworden, zum Zeitmass, das der Gewissheit des Mangels geschuldet ist und das ein Begehren und nicht dessen Erfüllung auskostet. Diese bleibt fern. Deshalb ist Weihnachten ein Gegenprogramm zur digitalisierten Instant-Gesellschaft, die Raum und Zeit aushöhlt und alles sofort ins Hier und Jetzt zu holen vermag. Übers Jahr ist Sehnsucht der «leere Wunsch» (Kant), weil der durchgetakteten und output-gesteuerten Alltagswirklichkeit jeder Zauber verlorengegangen ist. Es fehlen die Zwischenräume, es mangelt an Raum für Sinn. Die Weihnachtskrippe eröffnet diesen Raum. Es ist der Raum der Sehnsucht nach umfassendem Sinn.

Während die Romantiker und die heutige Weihnachtsglitzerwelt den Sinn reichlich unbestimmt in Werten wie Eintracht, Frieden und Harmonie zelebrieren, sucht der Christgläubige die Begegnung. Augustinus’ Herzenssehnsucht ist die Ruhe in Gott. Denn «der Mensch ist die Sehnsucht nach Gott», und umgekehrt ist «der Mensch Gottes Sehnsucht» (homo desiderium Dei). An Weihnachten ereignet sich beides. Gott begegnet dem Menschen, indem er sich ihm gleichmacht und des Menschen Würde göttlich besiegelt, und der Mensch wird Gottes in dessen Sohn in der Krippe ansichtig und besiegelt Gottes Grösse in des Menschen Niedrigkeit. Gott fremdelt nicht, sondern gibt an Weihnachten die Initialzündung zur Begegnung mit ihm, dem ganz anderen, und zur Begegnung der Menschen untereinander, den mehr oder weniger anderen. Das kann schwierig sein, ja Angst machen. Deshalb rufen die Engel: «Fürchtet euch nicht!»

Christliche Sehnsucht ist furchtlos. Denn sie weiss um das, was Menschen einander antun können. Die Krippe endet am Kreuz. Der Zauber wird zum Schauder. Gottes Opfer am Galgen von Golgota brandmarkt damit ein für alle Mal jedes Opfern von Menschen durch Menschen. Wenn Gottes Sehnsucht der Mensch ist und Gott Mensch wird, dann wird gerade dadurch des Menschen Sehnsucht, weil sie Gott ist, zugleich der Mensch. Unter Menschen will zuerst Frieden werden. Ohne Furcht. Gottes Menschwerdung sehnt sich nach Frieden unter den Menschen. Den Anfang macht das Kind in der Krippe. Es ist keine heile Welt, vielmehr das Heil der Welt. Gerade weil in seinem Anfang ein schauderhafter Zauber innewohnt. Frieden auf Erden.

+Felix Gmür, Bischof von Basel

Erschienen in der Luzerner Zeitung am 24. Dezember 2019

 

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