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Ostern heisst aufstehen für das Leben

Interview mit Pierre Stutz

Seine Meinung sagen und für sein Leben geradestehen, dazu ermutigt die Osterbotschaft, meint der Theologe Pierre Stutz.

Pierre Stutz, in Ihrem Osterbüchlein* kommen Sie auf Billy Elliot zu sprechen. Was hat der Bub, der gegen den Willen seines Vaters tanzen lernt, mit Ostern zu tun?

Pierre Stutz: Ich bin jemand, der sehr gerne ins Kino geht. Und als ich in diesem Film die Szene gesehen habe, wie der Vater entdeckt, dass Billy nicht beim Boxen ist, sondern tanzt, und schockiert reagiert, da wurde mir bewusst, das ist die Osterbotschaft. Der kleine Billy durchquert die grosse Halle, geht auf den Vater zu, steht vor ihn hin und tanzt. Ohne Worte vermittelt er: Das bin ich. Ich habe die Gabe zu tanzen. Ich kann nicht anders. Ich stehe gerade für mein Leben.

An Ostern feiern wir die Auferstehung Christi. Wie bringen Sie Billys Geradestehen mit Auferstehen zusammen?

Stutz: Ostern und Auferstehung haben mit diesem Geradestehen zu tun. Ostern will uns klar machen, dass es auch in schwierigen Situationen andere Möglichkeiten gibt, als sich fremdbestimmen zu lassen. Das Ostergeheimnis erzählt uns von der Hoffnung, dass jeder Mensch er selber wird, zu sich steht, um im Entfalten seiner Gaben seine Lebensaufgabe zu entdecken. Der Weg Jesu ist Garant für diese Erfahrung.

Das hört sich sehr einfach an.

Stutz: Dem Moment, als Billy Elliot vor dem Vater steht, geht ein Prozess voraus. Da steht ein ganzer Weg. Ein Weg, den uns die Fastenzeit immer wieder nahe legt. Wenn wir zu einer neuen Lebensqualität kommen, wenn wir im Leben etwas verändern möchten, dann müssen wir mit Durststrecken rechnen. In der genannten Filmszene verdichtet sich dieser ganze Prozess. Vorher ist da ein Auf und Ab. Billy schreit und ist verzweifelt. Auch die Jünger haben Ähnliches durchgemacht. Sie haben sich eingeschlossen, haben gezweifelt. Dann ist die innere Überzeugung gewachsen, ja es lohnt sich, Jesus hat es vorgelebt. Es lohnt sich, mit Rückgrat für seine Ideale im Leben zu stehen. Das alles gehört zu Ostern.

Ist es nicht so, dass viele Menschen nicht den Mut eines Billy Elliot haben und lieber jammern, als neue Wege zu gehen?

Stutz: Ich unterscheide zwischen Jammern und Klagen. Wer jammert, will nichts verändern. Psychologisch gesehen bleibt er in der Opferrolle und sucht die Schuld immer bei den anderen. Die Osterbotschaft sagt uns, Gott hat etwas anderes mit uns vor. Kein Mensch ist da, um im Zustand des Jammerns zu bleiben. Das kann vielleicht ein erster Moment sein, dass man jammert, dass man Selbstmitleid hat. Aber irgendwann kommt man an den Punkt, da ist eine Entscheidung fällig, muss man handeln. Man muss, wie die Psychologin Verena Kast sagt, Abschied nehmen von der Opferrolle.

Wie kann ich aus der Opferrolle ausbrechen? Wie schaffe ich es, zu handeln?

Stutz: Dies möchte ich am Beispiel der Geschichte aus der Bibel aufzeigen. Zu Jesus kommt ein Mann, der 38 Jahre lang gelähmt war. Jesus zeigt kein falsches Mitleid, sondern fragt ihn: «Willst du gesund werden?» - Das ist eine unglaubliche Zumutung. Jesus sagt zu einem, der 38 Jahre lang krank war: Willst du wirklich etwas verändern? Bist du bereit, die Konsequenzen dieser Veränderung zu tragen? Und wenn du das nicht willst, dann kann auch ich dir nicht helfen. - Der liebe Gott wird es nicht einfach richten, wenn ich nicht bereit bin, mein Teil zu tun. Ich muss bereit sein, Veränderung zu wollen. Ich darf vertrauen, dass mir ein Teil geschenkt wird. Doch wann das passiert, das weiss ich nicht. Das ist die grosse Schwierigkeit. Deshalb haben wir auch immer wieder Angst vor Veränderungen. Weil wir immer wieder die Kontrolle loslassen müssen.

Hält uns lediglich die Angst ab, etwas in unserem Leben zu verändern? Gibt es nicht auch Zwänge, denen wir uns nicht entziehen können?

Stutz: Ich kenne das zur Genüge. Ich würde nicht immer so viel vom Loslassen schreiben, wenn ich nicht wüsste, wie schwer das ist. Auch ich kenne Zwänge, beispielsweise wirtschaftliche Zwänge. Das gehört zum Leben. Auch mir sind Situationen vertraut, in denen ich das Gefühl habe, ich werde gelebt. Wir werden immer mehr gelebt durch die Hektik, durch Ansprüche, durch immer mehr Leistung. Wir leben immer weniger aus der eigenen Mitte.

Wie findet man trotz dieser Zwänge den Weg zur eigenen Mitte?

Stutz: Das ist eine schwierige Frage. Ich habe kein Rezept. Doch sehe ich eine Möglichkeit in Alltagsritualen. Ich kann in meinem Alltag Momente einräumen, in denen ich die Augen schliesse und bewusst dastehe. Oder paradox formuliert: die Augen schliessen, um klarer zu sehen. Das ist für mich Mystik im Alltag. Und da gibt es für mich sehr viele Formen. Ich möchte keine Fastfood-Spiritualität. Es geht um eine Grundhaltung. Ich beschliesse, dass ich an meiner Persönlichkeit und an meinen Beziehungen arbeiten möchte. Dabei ist es wichtig, dass ich mir Freiraum schaffe, damit ich bewusster wahrnehmen kann. Auch mir als Spezialisten kann es passieren, wenn ich nicht Tag für Tag übe und auf meinen Atem achte, dass ich durch den Tag hetze und am Abend merke, dass ich ausgelaugt bin.

Aber ist dies nicht die Realität? Im Moment hetzen wir durch die Läden und kaufen Osterhasen.

Stutz: Das ist die Realität. Und darum brauchen wir die Wiederholung der Osterfeier. Wir können nicht sagen, das ist vor 2000 Jahren passiert. Jeder Mensch, jede Generation, jede Gesellschaft ist immer wieder aufgefordert, zu fragen, ob sie etwas erneuern will. Heute verliert sich sehr viel im Äusserlichen, etwa im Kauf von Osterhasen. Das betrachte ich als Hilflosigkeit, weil andere Formen, Ostern zu feiern, fehlen, weil kirchliche Formen nicht mehr ansprechen. Dass jedoch viele Leute gleichwohl österliches Brauchtum pflegen, ist für mich ein Ausdruck einer inneren Sehnsucht. Und darum entdecken viele Menschen wieder Rituale. Auch in der Familie, weil sie merken, sonst geht unsere Beziehungskultur völlig flöten. Aus Gesprächen mit Menschen, die zu meinen Vorträgen kommen, weiss ich, dass sich viele sagen, das kanns doch nicht gewesen sein. Konsum und Leistung kann doch nicht das Leben sein. Deshalb ist die Osterbotschaft heute so aktuell. Deshalb muss man den Mut haben, eine Sprache zu sprechen, die die Menschen in jenem Suchen anspricht.

Spricht die Kirche diese Sprache?

Stutz: Ich denke, zum Teil. Wenn ich die Pfarreien von Luzern anschaue, stelle ich fest, dass dort viel geschieht. Aber es ist Realität, dass viele Menschen gar nicht auf die Idee kommen, in der Kirche zu suchen, da ist eine Entfremdung passiert, weil sie zu lange eine veraltete Sprache geredet hat.

Demnach müsste sich auch die Kirche erneuern und verändern?

Stutz: Aber sicher. Das Aufstehen, das hat eine politische Dimension. Weltweit geschehen immer wieder Aufbrüche in der Kirche. Aber ich will nicht beschönigen, dass es einen Reformstau gibt. Ich setze mich dafür ein, dass Verheiratete und Frauen Priester werden können. Beides sind für mich Auferstehungspostulate. Was sich für mich geändert hat, ist, dass ich nicht mehr bereit bin, mich in diesen Themen zu verlieren. Ich suche wieder mehr danach, wo ich meine Ideale in meinem Leben leben kann, denn sonst laufe ich wieder Gefahr, dass ich in die Opferrolle gerate und dauernd über Autoritäten schimpfe. Das ist eine ungeheure Gefahr, denn das sind so schöne Projektionsfiguren. Dieses Spiel mache ich nicht mehr mit.

Also plädieren auch Sie für den Rückzug ins Private?

Stutz: Nein, ich möchte richtig verstanden sein: Wir müssen die strukturellen Probleme lösen. Auferstehung ist für mich auch Aufstehung für das Leben, ist ein politisches Postulat. Wir von unserer Gemeinschaft sind im Januar in Bern vor dem Bundeshaus gestanden, als dort 24 000 Kerzen für die Menschen, die jeden Tag als Opfer der Globalisierung sterben, gebrannt haben. Das ist für mich auch Auferstehung. Die Kraft, die dort entstanden ist, ist für mich ein Auferstehungsbild. Wir waren im Zentrum von Tod und Auferstehung. Wir haben nicht verschwiegen, dass es den Tod, dass es Ungerechtigkeit gibt. Das ist urbiblische Tradition. Paulus redet nie vom Auferstandenen, ohne auch vom Gekreuzigten zu reden. Das ist das, wo wir uns so schwer tun im Leben. Wir sehnen uns nach Harmonie, nach Frieden, nach Gerechtigkeit, der Weg zu diesen grossen Werten führt uns dorthin, zuerst das anzuschauen, was ist. Das ist für mich die Kraft vom Karsamstag: den Mut zu haben, zu Grunde gehen.

Aber ist es nicht nahe liegend, angesichts dieses Leids und der weltweit geführten Kriege, zu trauern und zu resignieren?

Stutz: Wir waren erfüllt von Trauer, und doch spürten wir Hoffnung. Es gibt eine andere Möglichkeit, als ohnmächtig zu resignieren. Es gibt sie, wenn Männer und Frauen bewusst dastehen und aufstehen für das Gute. In diesem Moment stehen Männer und Frauen auf der ganzen Welt auf und stehen für das Gute ein, auch in Kriegssituationen. Überall gibt es Menschen, die von dieser Auferstehungskraft leben, die sich nicht klein machen, ihre Fähigkeiten nicht verstecken und den Mut haben, ihre Meinung zu sagen. Sören Kierkegaard sagte, jeder Mensch kommt als Original auf die Welt und zu viele sterben als Kopie. Billy Elliot ist für mich ein Mensch, der keine Kopie sein wollte, der zur Befreiung ermutigt. Gott will keine gekrümmten Menschen. Er ruft zur Lebendigkeit auf, zum Geradestehen für sein Leben, seine Talente und seine Eigenheiten. Das ist Ostern.

VON INGE LEIFICK

Neue Luzerner Zeitung, Ausgabe vom 30. März 2002

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