Bistum Basel
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Hirtenwort - Wer sind wir? Salz der Erde, Licht der Welt!

Liebe Schwestern und Brüder in Christus

„Ihr seid das Salz der Erde!“, ruft uns Jesus zu. Noch mehr: „Ihr seid das Licht der Welt!“ (Mt 5,13.14) Wir und die Erde, wir und die Welt: Gibt es da eine Verbindung? Wie verhalten sich das Christentum und die Welt zueinander? Eines wird sogleich klar: Weltflucht ist kein Rezept für Christinnen und Christen. Sie flüchten sich nicht in eine separate Welt, sie bilden keine Gemeinschaften ausserhalb der Gesellschaft. Vielmehr gehören wir Christen voll und ganz dazu: Salz der Erde, Licht der Welt.

Die Welt von heute ist unser Ort. Wir sind Salz der Erde und würzen die Gesellschaft mit unserem Engagement. Wir verbergen uns nicht, sondern gehen auf die Strassen und Plätze und wollen sichtbar sein. Denn Jesus sagt: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16). Jesus will offenkundig, dass die Überzeugung der Christinnen und Christen wahrgenommen wird. Durch unser Tun kann Gottes Glanz, sein Licht, durchschimmern. Deshalb darf man merken, dass wir glauben; man darf hören, dass wir hoffen; man darf sehen, dass wir lieben. Die Welt und die Menschen betreffen uns, weil sie von Jesus Christus erlöst sind. Wir sind nicht draussen, sondern leuchten mittendrin. Engagierte Christinnen und Christen machen das Evangelium durch Ausstrahlung bekannt, wie Kardinal Martini einmal sagte. In der Vision des Pastoralen Entwicklungsplanes für unser Bistum heisst das: Wir bringen den Glauben ins Spiel.

Wie kann das geschehen? Der Prophet Jesaja äussert sich dazu konkret: „Teile an die Hungrigen dein Brot aus, nimm die obdachlosen Armen ins Haus auf, wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn und entziehe dich nicht deinen Verwandten“ (Jes 58,7). Die Kirche geht an die Ränder der Gesellschaft, sagt Papst Franziskus dazu. Und Jesaja doppelt nach: „Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf“ (Jes 58,9b-10b). Gelebter Glaube macht das Licht der Welt sichtbar.

Jesajas Botschaft geht noch weiter. Sie erwischt mich jedes Mal auf dem linken Fuss. Ich muss zweimal lesen. Der Mensch ruft Gott. Gott antwortet: „Hier bin ich“. Wir haben es in der Lesung gehört: „Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich“ (Jes 58,9). Einst hat Gott nach Adam gerufen: „Wo bist du?“ (Gen 3,9). Mit Jesus Christus, dem Immanuel, das heisst „Gott mit uns“, antwortet Gott auf das Rufen der Menschen: „Hier bin ich“. Diese Zuwendung Gottes ist das Fundament christlichen Lebens.

Wir sind aufgerufen, mit denselben Worten auf die Zuwendung Gottes zu antworten: „Hier bin ich“. Als Bischof höre ich dieses Wort immer wieder in sehr wichtigen Stunden für einzelne Menschen und für unser Bistum. Wer nämlich die kirchliche Indienstnahme, die Diakonen- oder Priesterweihe empfängt, wird aufgerufen. Sie treten dann vor mich hin und sagen: „Hier bin ich“. Das ist immer ein sehr berührender Moment für mich.

Christinnen und Christen, Salz der Erde, Licht der Welt, wo seid ihr? Wo setzen wir uns ein? Wo würzen wir die Gesellschaft mit unserem Engagement? Wo lassen wir Gottes Licht durchschimmern in der Welt? Frauen und Männer im kirchlichen Dienst des Bistums, Mitglieder staatskirchenrechtlicher Behörden, Freiwillige in Vereinen und Gruppierungen, Migrantinnen und Migranten, Getaufte in Familien und Beruf: Wir alle sind gefragt. Der Ruf zu einem christlichen Leben ist unüberhörbar: aus Gottvertrauen leben, den Menschen dienen, den Nächsten beistehen, sich mit Gleichgesinnten sammeln und Gemeinschaften von Gott suchenden Menschen bilden.

Es ist heute anders als vor vierzig Jahren, diesem Ruf zu folgen und als Christin und Christ zu leben. Die Aufbruchstimmung in unserer Kirche ist weitgehend verflogen. Unsere Umwelt schielt oft argwöhnisch auf den christlichen Lebensentwurf, der nur noch eine unter vielen Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens ist. Doch der Ruf bleibt. Die Welt, auch wenn sie sich ständig verändert, bleibt. Die Menschen in der Mitte und an den Rändern der Gesellschaft bleiben. Bei ihnen ist unser Ort. Wer ist da bereit und antwortet: „Hier bin ich“?

In meinem ersten Hirtenwort aus der Kathedrale in Solothurn war die „Baustelle Kirche“ das Thema. Es ist unausweichlich: Ich muss als Bischof unter neuen Bedingungen mit Nachdruck die Erneuerung des kirchlichen Lebens im Bistum ermöglichen. Papst Franziskus gibt uns dabei eine missionarische Haltung vor. Er schreibt: „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprach-gebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient“ (Evangelii Gaudium, Nr. 27). Als Christ und als Bischof bringe ich mit Überzeugung den Glauben ins Spiel, weil dadurch Licht ins Leben der Menschen kommt. Ich bin überzeugt, dass es nicht wirklich vorwärts geht, wenn nicht auch Sie, die Sie mich heute hören, da oder dort, für dieses oder jenes hinstehen und sagen: „Hier bin ich“.

Im vergangenen Jahr war es mir ein Anliegen, mit meinem Hirtenwort die christliche Gemeinschaft zu stärken. Unsere Gesellschaft propagiert die individuelle Selbstverwirklichung als Leitkultur. Da werden Menschen, die sich der christlichen Gemeinschaft verpflichten, zu Randerscheinungen. Viele öffentliche und private Veranstaltungen finden heute am Sonntagvormittag statt. Ich antworte dann jeweils: Danke, aber ich kann nicht kommen, weil ich am Sonntags-gottesdienst teilnehme. Kleiner werdende Gemeinschaften müssen keineswegs schwächer werden. Entscheidend für die Ausstrahlungskraft ist nicht die Grösse, sondern die Intensität, mit der Menschen ihre Talente und Fähigkeiten einbringen, und die Liebe, mit der sie einander auch ihre Schwächen und Verletzungen zumuten können (vgl. 1 Kor 2,1-5).

Entscheidend für ein evangeliumsgemässes und menschenfreundliches Leben der Kirche ist nicht die durchstrukturierte Organisation unseres Bistums. Es ist nicht der Einsatz makelloser Seelsorgerinnen und Seelsorger, nicht die über alle Reklamationen erhabene kirchliche Dienstleistung, ja nicht einmal – wie Papst Franziskus betont – die perfekte Einhaltung aller kirchlichen Regeln und das kräftige Bekenntnis aller Glaubenssätze. Das ist alles gut und wichtig. Als Bischof halte ich ein Auge darauf und handle, wo es meine Verantwortung verlangt. Letztlich entscheidend für das christliche Leben in unserem Bistum bleibt aber unsere Präsenz, mein und Ihr Hinstehen: Hier bin ich, hier sind wir Licht der Welt.

Dann gilt es noch als Gemeinschaften zu lernen. Es gilt, mit Stärken und Schwächen, Sympathien und Antipathien, mit unterschiedlichen Überzeugungen so umzugehen, dass jeweils geistvolle Wege entstehen und sich in allem Gottes Kraft erweist.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte, dass in gut zwei Jahren alle Pastoralräume im Bistum errichtet sind. Sie sind ein Werkzeug für eine zeitgemässe Kirche, die unserer gesellschaftlichen Situation entspricht. Wir, die Kirche, sind Licht der Welt von heute, nicht von gestern. Deswegen brauchen wir Werkzeuge für heute, die auch für morgen taugen, nicht für gestern. Wenn dieses Werkzeug im ganzen Bistum zur Verfügung steht, werden wir weitsichtiger Ausschau halten können nach den Wegen, die Gottes Geist uns weist.

Darf ich Sie ermutigen, heute den Ruf zu hören und zu antworten: „Hier bin ich“? Wir haben die Zusage des Propheten: „Wenn du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben und sagen: Hier bin ich“. Gott begleitet uns in die Zukunft und bestärkt uns. Jesus gibt uns Mut und sagt zu uns: „Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt.“

Ich wünsche Ihnen allen Zuversicht und Gottvertrauen.

 

Ihr

+Felix Gmür

Bischof von Basel

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