Bistum Basel
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Offener Brief des Diözesanbischofs an die Gläubigen und das Seelsorgepersonal im Bistum Basel

Solothurn, den 22. Mai 2013

Liebe Schwestern und Brüder in Christus

Versteht, was der Wille des Herrn ist (Epheserbrief 5,17). Für meine Amtszeit als Bischof von Basel habe ich vor bald zweieinhalb Jahren diesen Wahlspruch gewählt. Dazu schrieb ich damals: „Nüchtern stellt Paulus fest, dass die Welt, in der wir leben, nicht perfekt ist. Auch bei den Christinnen und Christen ist nicht alles im Lot. Sie leben und handeln nicht immer so, wie es die jeweilige Zeit verlangen würde. Oft sind sie unverständig. Doch was gilt es zu verstehen? Im Vaterunser beten wir: Dein Wille geschehe! Der Wille des Herrn ist entscheidend für das Leben als Christin, als Christ. Zuerst müssen wir diesen indes kennen, bevor wir danach leben und handeln können. Deshalb sagt Paulus: Versteht, was der Wille des Herrn ist! Es ist von grosser Bedeutung, dass Paulus in der Mehrzahl spricht. Kirche, Christin, Christ, Bischof ist man nicht allein, sondern immer zusammen mit anderen. Das Motto ist darum ein Motto für die ganze Bistumskirche. Wenn wir gemeinsam den Willen des Herrn verstehen, werden wir danach leben und so als Christinnen und Christen unser Leben in dieser Zeit bestehen.“

In den vergangenen drei Monaten habe ich – angestossen durch die Pfarrei-Initiative – mit 52 Priestern, 28 Diakonen, 127 Laientheologeninnen und Laientheologen sowie 25 Katechetinnen und Katecheten verteilt auf fünf Halbtage zu den Themen Dienste, Dialog, Epikie, Pastoralräume und Reformen gesprochen. Von diesen 232 Personen hatten 133 die Pfarrei-Initiative unterzeichnet. Diesen Gesprächen vorausgehend hatten alle Unterzeichnenden auf einen Brief von mir persönlich geantwortet. Das schätze ich. Die grosse Mehrheit hat sich intensiver mit meinen Anfragen an die Pfarrei-Initiative auseinandergesetzt und zum Teil lange Antworten geschrieben. Ich habe durch viele praktische Beispiele einen weiteren wertvollen Blick in die tägliche Seelsorge und die Fragen der Seelsorgenden erhalten. Ich bin froh, dass die Briefe gegenüber dem Initiativtext theologisch differenzierter sind. Dank diesen Briefen kann ich Schreiben, die Unterzeichnende pauschal verurteilen, richtigstellen.

Meine deutliche Kritik gegenüber dem Text der Pfarrei-Initiative habe ich stets geäussert. Durch die Antwortbriefe der Unterzeichner und die fünf Themenhalbtage sind wir aus meiner Sicht über den Initiativtext selber hinausgegangen, weil wir differenzierter die Situationen und ihre Fragen besprochen haben. Wir sind über die Initiative selber hinausgegangen, weil ich neben den Unterzeichnerinnen alle Seelsorger und Katechetinnen mit einer kirchlichen Sendung zu den Themenhalbtagen eingeladen habe. Ich nehme mit Genugtuung zur Kenntnis, dass beide Gruppen an den jeweiligen Gesprächstagen in recht ausgeglichener Zahl präsent waren. So hat sich meine Absicht erfüllt, im Dienst an der Einheit Seelsorger und Seelsorgerinnen zusammenzuführen. Die weiterführenden Gespräche bekommen darum einen neuen Namen: PEP im Dialog („Pastoraler Entwicklungsplan“ im Dialog).

In den erwähnten Antwortbriefen wurden mehrheitlich drei Gründe für die Unterzeichnung der Initiative genannt: Die Enttäuschung über ungelöste kirchlich-seelsorgerliche Probleme, ein Zeichen setzen für Reformen – auch aus Sorge um die Kirche – und ein Offenlegen zunehmender Not im pastoralen Alltag in Solidarität mit Kollegen und Kolleginnen. Die Gespräche in den vergangenen drei Monaten haben bestätigt, dass die Seelsorge in einem grossen Umbruchprozess steckt. Die Veränderungen in der Gesellschaft, bei den Pfarreigliedern, unter dem Seelsorgepersonal sind so weitreichend, dass ich nicht mehr davon sprechen kann, Lösungen für die Probleme zu finden und dann ist alles wieder so, wie es einmal war. Wir befinden uns unumkehrbar in einer Übergangszeit, deren Ende noch nicht absehbar ist. Ebenso sehen wir die soziale Gestalt kirchlichen Lebens am Ende dieser Übergangszeit noch nicht. In seiner feinen Art hat Papst Franziskus in den vergangenen Wochen immer wieder genau diese Situation angesprochen, wenn er alle Glieder der Kirche auffordert, aufzubrechen und hinauszugehen, um die Frohe Botschaft Jesu Christi unter die Menschen zu bringen. Wer aufbricht, muss etwas wagen. Wer wagt, macht auch Fehler. Da weiss ich mich in guter Gesellschaft. Darum antwortete ich nicht mit Sanktionen, sondern mit Gesprächseinladungen und Vertrauen. Ich zähle darauf, dass Seelsorgende mein Vertrauen in gleicher Weise erwidern und Grenzen verantwortungsvoll respektieren.

Die fünf Themenhalbtage haben (wieder) aufgezeigt, wo inhaltliche Klärungen nötig sind und wie wir gemeinsam vorgehen können. Die Moderation der Themenhalbtage durch externe Personen und die Einladung an meine Mitarbeitenden im Bischofsrat, als Hörende diesen Gesprächen beizuwohnen, haben sich bewährt. Zehn Delegierte aus den fünf Themenhalbtagen haben sich am 21. Mai 2013 mit mir getroffen, um weitere Schritte zu beraten. Auf die folgenden Themenbereiche haben wir uns geeinigt:

1. Pastorale Dienste: In einer Zeit der Umbrüche sind die pastoralen Berufe einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt. Es gilt, ein neues Zusammenwirken der verschiedenen Berufsrollen zu finden (z.B. in der Führung von Pastoralräumen). Diesem Findungsprozess dient intensive theologische Weiterbildung. Klare Berufsbilder fördern die Motivation.
2. Vertrauen und Verbindlichkeit: Es ist entscheidend, dass der Bischof seinen Seelsorgerinnen Vertrauen schenkt, und ebenso entscheidend ist das Vertrauen der Seelsorger in den Bischof. Vertrauen braucht Verbindlichkeit. Wie kann der Bischof seine Vorgesetztenrolle ausüben und von seinen Seelsorgenden Verbindlichkeit in einer Weise einfordern, dass sie dem gegenseitigen Vertrauen dient?
3. Normen und Regeln: Das Bewusstsein für den Wert von Normen und Regeln wie auch für ihre Grenzen ist zu fördern. Wie handeln wir angesichts der Tendenzen, dass Ausnahmen zur Regel oder dass Normen selbst in Frage gestellt werden?

Im weiteren haben wir uns darauf verständigt, dass zukünftig der Priesterrat und der Rat der Diakone und Laientheologen/innen der Ort sein soll, wo der Prozess der weiterführenden Gespräche „PEP im Dialog“ gesteuert wird. In beiden Räten sind Unterzeichner der Pfarrei-Initiative vertreten. Ich muss noch klären, wie ich die wichtige Berufsgruppe der Katechetinnen und Katecheten mit einem religionspädagogischen Diplom einbinden kann.

Menschen leben auch von der Wertschätzung, die sie empfangen. Das ist auch bei Seelsorgern so, auch beim Bischof. Ich versuche, den Seelsorgern und den Gläubigen wertschätzend zu begegnen und von dem auszugehen, was schon da ist. Der erste Blick soll dem gelten, was lebt, was gefördert werden kann. Dann erhält auch der Blick auf Mängel seine Berechtigung und kann zu Veränderungen ermutigen.

Die Seelsorgerinnen sagen mir, dass es für sie wichtig ist, meine Ansichten und meine Absichten zu kennen. Sie wollen wissen, woran sie mit mir sind, worauf sie sich verlassen können. Dafür habe ich Verständnis. Deshalb werde ich mich vorerst bis 2016 zusätzlich zu allen Gesprächen, die ich tagein tagaus mit einzelnen, mit Gruppen und mit Räten führe, einmal pro Jahr in den drei Bistumsregionen mit Seelsorgenden zu einem freien Gespräch treffen.

Meinerseits erwarte ich umgekehrt diese Offenheit und Verlässlichkeit von den Seelsorgenden mir gegenüber. Im Sinne meines eingangs erwähnten Wahlspruchs erwarte ich Gehorsam im gemeinsamen Hören auf Gottes Wort und auf die Zeichen der Zeit. Vertrauen beruht auf gegenseitiger Verlässlichkeit. So bekommt Wertschätzung Gewicht.

Den vielen Freiwilligen und Ehrenamtlichen, die in den Pfarreien und staatskirchenrechtlichen Körperschaften mitarbeiten, gehört meine Wertschätzung nicht minder. Aus vielen Besuchen, Gesprächen und Briefen kenne ich unterdessen die Situation im Bistum schon recht gut. Ich weiss, dass Freiwillige und Ehrenamtliche das kirchliche Leben mittragen. Es wird zukünftig noch wichtiger werden. Darauf weist bereits der Pastorale Entwicklungsplan hin.

Versteht, was der Wille des Herrn ist (Epheserbrief 5,17). Vor wenigen Tagen haben wir das Pfingstfest gefeiert. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom (Römerbrief 5,5): Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Darauf dürfen wir vertrauen. Miteinander und füreinander rufen wir: Komm, Heiliger Geist!

Mit freundlichen Grüssen

+ Felix Gmür

Bischof von Basel

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