Bistum Basel
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Umdenken - jenseits von Konsum- und Wachstumszwängen

Von Hans Zünd, Pastoralraumpfarrer und Synodalrat

Individuell

Wie wunderbar ist doch alles gemacht! So möchte ich ausrufen, wenn ich jetzt die Weinberge im Klettgau voll von reifen Trauben sehe. Wie wunderbar ist doch alles gemacht! So staune und danke ich, wenn ich betrachte, wie Knochenbrüche zusammenwachsen und Wunden heilen - etwas, das der Mensch nicht machen kann. Oft staune ich auch sonst, wie der Mensch geschaffen ist. Zum Beispiel wie das Gehör das leise Summen einer Mücke bis zum Knallen eines Feuerwerks verarbeiten kann. Wenn die Lautstärke um 100% zunimmt (z.B. Musik), nimmt die Empfindung nur um 30% zu. Wenn eine Band die Schallempfindung bei ihren Fans verdoppeln will, muss sie die Lautstärke hundertmal verstärken, so richtig einhämmern. Dasselbe Phänomen sehen wir auch in anderen Bereichen: Verdient einer 3000.- im  Monat, wird er sich über eine Lohnerhöhung von Fr. 100.- (ca 3 %) freuen. Verdient einer Fr. 30 000.- im Monat, ist eine Lohnerhöhung von Fr. 100.- absolut lächerlich für ihn. Um die gleiche Freude auszulösen wie beim Niedriglohnempfänger, müsste eine Lohnerhöhung mindestens Fr. 1000.-  pro Monat betragen. Die Kartoffeln und die Kleider kosten aber für beide gleich viel. Diese natürliche Eigenschaft, einen äusseren Reiz in %  Prozenten zu empfinden, ist ein massgeblicher Grund warum die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden.

Diese Eigenheit, die in den Menschen hineingelegt ist, birgt die Gefahr zu eskalieren: immer mehr, immer häufiger, immer schneller, immer wilder, immer grenzenloser. Man will geniessen, ein Bedürfnis befriedigen: den Kick lauter Musik, schönere Autos, immer mehr materiellen Erfolg, mehr Sex, unbegrenzte Freiheit. Der Befriedigungstrieb ist in der Regel unersättlich. Man kann süchtig werden. Werden Grenzen überschritten, sind Fehlentwicklungen, Krisen und Abstürze kaum vermeidbar.

Wie solche Eskalationen vermeiden oder abfangen? Durch eine andere Eigenheit des Menschen: die Vernunft. Vernunft ist eine innere Haltung, grössere Zusammenhänge zu sehen und sich selber Grenzen zu setzen. Zu sehen: Ich bin nicht allein in der Welt. Ich bin Teil in einem übergreifenden Organismus. Wenn ich leide, leiden andere mit. Wenn andere unter meinem Verhalten leiden, fällt es auf mich zurück, früher oder später. Wenn etwas eskaliert, stürze ich ab. Die Vernunft lässt mich Grenzen setzen, mir selber.

Doch ich möchte ja mehr: ich möchte Freude haben am Leben. Wahre Freude bringt nur die Liebe: die Liebe zum Garten und die Freude an dem was wächst; die Liebe zu meiner PartnerIn und die Freude wie sich die Kinder entfalten; die Freude an mir selber, wenn es mir gelingt, auf etwas zu verzichten, zugunsten von Mitmenschen und der Mitwelt, zugunsten von mir selber.

Kollektiv

Jetzt ist wieder die Zeit, wo die Medien über Quartalsabschlüsse der Unternehmungen berichten. Umsatz gesteigert um 5%, Gewinn um 2%. Toll! Quantitatives Wachstum, in Zahlen erfassbar. Wenn nicht gesteigert, nicht so toll. Wie ist das Arbeitsklima? Wie geht es den Angestellten? Weiss nicht. - Und für das Bruttoinlandprodukt des Landes werden Hochrechnungen gemacht. 1,5% Wachstum für 2016? Und in der Politik beginnt man das Fell zu verteilen bevor der Bär erlegt ist: Lohnerhöhungen? Mehr für das Sozialwesen? Mehr für Bildung oder Gesundheit? Steuersenkungen? Alles angenehme Vorstellungen. Ein wachsender Betrieb ist leicht zu führen und ein Land mit wachsender Wirtschaft ebenfalls, wenigstens im Moment. Ist dies wohl der Grund, warum immer noch auf allen staatlichen und politischen Ebenen trotz besserem Wissen ein quantitatives Wirtschaftswachstum als Allerheilmittel verkündet wird?  

Zugegeben: die Abwendung vom Paradigma des ständigen Wirtschaftswachstums ist zunächst unangenehm. Ohne tiefgreifenden Wandel hin zu einer Kultur der Vernunft geht es nicht, einer Kultur, in der man bereit ist, zugunsten des Lebens, Zusammenlebens und Überlebens auf einen nur vordergründigen, kurzfristigen und persönlichen Nutzen zu verzichten. Denn nur so kommen wir aus dem Hamsterrad des Immer-noch-mehr heraus. Doch unser Volk ist einer Erschöpfung nahe: Erschöpfung durch das immer schneller, immer mehr, in der Arbeitswelt, Erschöpfung im Verkehr, Erschöpfung der Ressourcen, Erschöpfung in den Beziehungen. Wir verdienen mehr. Wir kaufen mehr. Wir kaufen auf Pump. Also müssen wir noch mehr arbeiten.

Wir sind gefangen in einer Eskalationsspirale, angetrieben durch uns selbst, und durch die Angst. Wenn beispielsweise Wirtschaftsleute und Politiker entsetzt sind, wenn das Volk zu sparen beginnt, um für schlechtere Zeiten gerüstet zu sein. Schwächt doch den Konsum und könnte Arbeitsplätze gefährden!

Unsere Gesellschaft braucht eine grundlegende Transformation. Wir können warten, bis uns Krisen, Umweltkatastrophen oder gar ein Zusammenbruch dazu zwingen. Das wird schmerzhaft sein. Staatliche Verordnungen zum Verzicht werden es schwierig haben in unserer direkten Demokratie. Die Transformation muss bei jedem Einzelnen beginnen. Wir müssen umdenken und nach einem Glück suchen jenseits von materialistischen Konsum- und Wachstumszwängen. Nicht: Kauf dich glücklich! Sondern: werde glücklich. Es braucht kreative Neuaufbrüche in Dörfern und Quartieren, in vernetzten Nachbarschaften, im Füreinander da sein, mit Gewicht auf Eigenversorgung aus der Umgebung.

Es braucht Menschen, die aus anderen als materiellen Quellen leben und mit weniger zufrieden und umso glücklicher sind.  

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