Solothurn, 29. September 2005
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst,
Liebe Seelsorgerinnen und Seelsorger
Über den schwerwiegenden Konflikt mit Pfarradministrator Sabo und dem Kirchgemeinderat in Röschenz habe ich Sie am 28. Mai 2005 informiert. Seither haben ich und die ganze Bistumsleitung in der Öffentlichkeit geschwiegen. Dies geschah in der Überzeugung, dass Gespräche mit den Beteiligten nur Sinn haben und weiterführen können, wenn sie vertraulich geführt werden, und weil öffentliche Stellungnahmen unsererseits zu unhaltbaren Aussagen sowohl des Kirchgemeinderates Röschenz als auch von Pfarradministrator Sabo die Eskalation in der Öffentlichkeit noch weiter gefördert hätten. Heute aber ist der Zeitpunkt gekommen, Sie über die weitere Entwicklung und meine Entscheidung nochmals persönlich zu informieren. Obwohl es dazu viel zu sagen gäbe, will ich mich auf das Nötigste beschränken.
1. Beim Gespräch mit dem Kirchgemeinderat Röschenz am 28. Mai bin ich auf dessen Forderung eingegangen und habe danach nochmals zwei Gespräche mit Pfarradministrator Sabo geführt. In diesen hat er wenig Einsicht in sein Fehlverhalten gezeigt. Im Gegenteil hat er ausgerechnet während dieser Zeit der Gespräche seine sogenannte „Rede“ am 1. August in Sissach gehalten, die eine erneute Attacke gegen unsere Kirche war. Nicht nur verurteilte er unsere Kirche als „älteste und grösste Diktatur, die wir auf dieser Welt haben“, sondern er diffamierte seine Kollegen im kirchlichen Dienst, die ihn nicht unterstützt haben, als „Feiglinge, Duckmauser, Heuchler, Angsthasen, Neider und Schleimer“. Trotz diesen einen Seelsorger disqualifizierenden Aussagen habe ich mich auf die Forderung des Kirchgemeinderates nach einer „Auszeit“ ab dem 1. Oktober 2005 eingelassen. Dazu aber musste ich zwei Bedingungen stellen:
Erstens muss Pfarradministrator Sabo seine Weiheversprechen öffentlich erneuern, und zwar in jener Form, in der dies jeder Priester einmal im Jahr entweder in der Chrisammesse oder in der Messe am Hohen Donnerstag vollzieht. Diese Bedingung war Pfarradministrator Sabo seit dem 28. Mai bekannt.
Zweitens muss Pfarradministrator Sabo sich in der Öffentlichkeit von seinen in der „Rede“ am 1. August in Sissach gemachten unerträglichen und untragbaren Äusserungen distanzieren. Diese Bedingung habe ich ihm im Gespräch am 12. September genannt.
Diese Bedingungen habe ich in meinem letzten Brief an Pfarradministrator Sabo vom 17. September nochmals schriftlich fixiert mit der Aufforderung, spätestens bis zum 23. September Rückmeldung zu geben. Darauf hat er am 27. September Antwort gegeben, jedoch erneut in einer ungenügenden Weise. Auf der einen Seite erklärt er nur seine Bereitschaft, an der Chrisam-Messe 2006 teilzunehmen, „sofern bis dahin Vertrauen gewachsen ist.“ Diese Bereitschaft ist deshalb ungenügend, weil die Erneuerung der Weiheversprechen die Voraussetzung für einen weiteren kirchlichen Dienst und nicht die möglicherweise eintretende Folge ist, sofern bis dahin Vertrauen wachsen konnte. Auf der anderen Seite ist Pfarradministrator Sabo nicht bereit, sich von seiner „Rede“ am 1. August in Sissach zu distanzieren. Er erklärt nur seine Bereitschaft, sie mit andern Aspekten „zu ergänzen“.
2. In den vergangenen fünf Monaten haben auch zwei Aussprachen mit dem Kirchgemeinderat Röschenz stattgefunden, wobei beim ersten Mal auch eine weitere Delegation von Pfarreimitgliedern anwesend war. Auch beim Kirchgemeinderat war kaum Einsicht in das Fehlverhalten von Pfarradministrator Sabo festzustellen. Der Kirchgemeinderat hat zwar stets betont, beide Seiten müssten sich bewegen. De facto hat er aber nur an mich Forderungen gestellt und Pfarradministrator Sabo verteidigt.
Zweitens hat der Kirchgemeinderat stets betont, es müsse zwischen der Kirchgemeinde Röschenz und der Bistumsleitung neues Vertrauen wachsen können. Da ich diese Überzeugung teile, habe ich mich darauf eingelassen. De facto aber hat der Kirchgemeinderat das Gegenteil getan. Denn die elementarste Voraussetzung für das Wachsen neuen Vertrauens ist Vertraulichkeit. Ein vertrauliches Gespräch war aber mit dem Kirchgemeinderat Röschenz unmöglich. Selbst nach gemachter Zusage des Kirchgemeinderates, in der Öffentlichkeit nur die Tatsache, dass Gespräche stattfinden, zu bestätigen, aber inhaltlich nichts zu sagen, wurde der Inhalt gleich nach dem Gespräch an die Medien weitergegeben, und zwar offensichtlich falsch. Dabei hat der Kirchgemeinderat selbst vor Verleumdungen in der Öffentlichkeit nicht halt gemacht.
3. Rückblickend hat sich bei mir der Eindruck erhärtet, dass es dem Kirchgemeinderat nicht um eine gute Lösung für beide Seiten ging. Er wollte vielmehr zusammen mit der Öffentlichkeit und vor allem mit den Basler Medien Druck auf mich ausüben und gleichsam die Erfüllung seiner Forderungen an mich erzwingen. In der Basler-Zeitung und auch im Schweizer Fernsehen hat er denn auch willfährige Kampfgenossen gefunden. Was sich vor allem die Basler-Zeitung in den vergangenen Monaten geleistet hat, hat mit einer seriösen Berichterstattung und fairem Journalismus kaum mehr etwas zu tun. Auf weitesten Strecken war diese sogenannte „Berichterstattung“ Parteinahme für Röschenz und im Blick auf die Bistumsleitung teilweise niveauloser Exekutionsjournalismus. Dass sich dann auch der „Beobachter“ in einer Parteilichkeit sondergleichen in die ganze Angelegenheit eingemischt und den Kirchgemeinderat Röschenz unter die Kandidaten des Prix Courage aufgenommen hat, konnte mich angesichts der Medieneskalation nicht mehr überraschen.
Das gemeinsame Ziel des Kirchgemeinderates und eines Teils der Medien bestand offensichtlich darin, aus dem „Fall Sabo“ einen „Fall Bischof Koch“ zu machen. Dies scheint ihnen in der Öffentlichkeit teilweise gelungen zu sein. Denn das unerträgliche Fehlverhalten von Pfarradministrator Sabo war kein Thema mehr, sondern nur noch mein Verhalten in diesem Konflikt. Als Bischof kann ich aber nicht aufgrund des öffentlichen Drucks entscheiden.
Ebenso versuchten Pfarradministrator Sabo, der Kirchgemeinderat und bestimmte Medien den Konflikt auf der rein persönlichen Ebene anzusiedeln und darin nur einen Streit zwischen Pfarradministrator Sabo und mir zu sehen. Bei diesem Konflikt geht es jedoch nicht um meine persönliche Empfindlichkeit. Für mich im Vordergrund steht die problematische Einstellung von Pfarradministrator Sabo zu unserer Kirche. Für mich stellt sich beispielsweise die Frage, wie ein Priester im Namen und Auftrag einer Kirche handeln kann, die er selbst in aller Öffentlichkeit als „Diktatur“ inkriminiert. Dass es nicht einfach um meine Person, sondern um das Wohl der Kirche geht, haben auch die wichtigsten diözesanen Gremien - der Priesterrat, der Rat der Diakone und LaientheologInnen, der diözesane Seelsorgrat und auch das Domkapitel – dadurch gezeigt, dass sie in öffentlichen Stellungnahmen mich in meiner Haltung unterstützt haben. Diese Überzeugung wird auch vom ganzen Bischofsrat geteilt, mit dem ich die Situation in Röschenz in allen Phasen besprochen habe. Für diese vielfältige Unterstützung in diesen schweren Monaten bin ich dankbar.
4. Nachdem ich zu Beginn des Monats Mai meine Bereitschaft zu Gesprächen gegeben hatte, hatten sowohl Pfarradministrator Sabo als auch der Kirchgemeinderat Röschenz damit fünf Monate Zeit, um auf mein erstes Angebot einzugehen. Sie haben sie aber nicht als „Auszeit“ genutzt, sondern für weitere Attacken verwendet und vor allem auf das Voranschreiten der Zeit gesetzt. Während diesen Monaten wurden kaum Schritte des Vertrauens getan, wohl aber Vertrauen teilweise mutwillig zerstört. Meine bisherigen Erfahrungen lassen kein tragfähiges Anzeichen erblicken, dass eine weitere zeitliche Ausdehnung der Missio eine Lösung bringen würde. Angesichts dieses schwerwiegenden Vertrauensverlustes wäre sie nur eine zeitliche Verschiebung des Problems.
Trotz all dieser Entwicklungen bin ich dennoch bereit, auf die Forderung des Kirchgemeinderates nach einer Auszeit einzugehen. Diese aber muss, um sinnvoll sein zu können, konsequent ausgestaltet sein. Eine wirkliche Auszeit kann es nach allem Vorgefallenen nur sein, wenn Pfarradministrator Sabo diese Zeit nicht in der Pfarrei Röschenz verbringt. Da er während dieser Auszeit keinen kirchlichen Auftrag hat, entziehe ich ihm die Missio auf den 30. September 2005.
Pfarradministrator Sabo erhält aber eine Bedenkzeit von sechs Monaten. Während dieser Zeit wird sein Heimatbischof, der Erzbischof von Bamberg, für ihn zuständig sein. Was seinen Lebensunterhalt in dieser Zeit betrifft, werden wir zusammen mit der Erzdiözese Bamberg dafür aufkommen gemäss unseren entsprechenden Richtlinien.
Wenn Pfarradministrator Sabo nach dieser Zeit der Besinnung bereit ist, seine überdachte Einstellung zu unserer Kirche zu bekunden und die Weiheversprechen zu erneuern, werden wir die Frage einer neuen Missio im Bistum Basel neu prüfen.
Dieses Vorgehen hat vor allem das Ziel, dass in der Pfarrei St. Anna und auch in der Öffentlichkeit Ruhe einkehren kann. Ich muss dieses Vorgehen deshalb an die Bedingung knüpfen, dass sowohl Pfarradministrator Sabo als auch der Kirchgemeinderat sich in dieser Zeit weiterer öffentlicher Auseinandersetzungen enthalten. Nur auf diesem Wege kann Vertrauen wachsen, das eben nicht im Mediengeschrei, sondern nur in der Atmosphäre der Vertraulichkeit gedeihen kann.
Es versteht sich von selbst, dass ich die Pfarrei St. Anna in Röschenz auch in dieser Zeit nicht allein lassen werde. Ich bin dem emeritierten Pfarrer Franz Kuhn, wohnhaft in Dornach, sehr dankbar, dass er ab 1. Oktober 2005 als Priester für diese Pfarrei zur Verfügung steht und Bischofsvikar Dr. Erich Häring die Pfarrverantwortung übernimmt.
Mit freundlichen Grüssen, guten Segenswünschen und mit der erneuten Bitte um die Verbundenheit im Gebet
+ Kurt Koch
Bischof von Basel