Bischofswort zur Adventszeit 2004 und zum Jahr der Priesterberufe 2005
Liebe Schwestern und Brüder!
„Seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“
Mit diesen herausfordernden Worten im heutigen Evangelium beginnen wir die Adventszeit und zugleich ein neues Kirchenjahr. Der Advent macht uns neu bewusst, was Christsein und Kirche im tiefs-ten sind: Christen und Christinnen sind durch und durch adventliche Menschen, und die Kirche ist ganz und gar eine adventliche Gemeinschaft. Denn die Kirche lebt immer im Advent, in der Erwartung auf das Kommen unseres Herrn, und zwar in dreifacher Weise: Wir glauben, dass der Sohn Gottes in unsere Welt gekom-men ist und als Mensch unter Menschen gelebt hat. Wir bekennen, dass Christus wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Und wir glauben, dass Christus auch heu-te kommt, vor allem wenn wir zum sonntäglichen Gottesdienst versammelt sind. Er kommt zu uns in seinem Wort, und er kommt zu uns in seinem eucharistischen Opfermahl.
Christus kam, Christus wird kommen, Christus kommt. Dies ist die dreifache Botschaft, die uns die Adventszeit verkündet. Johannes der Täufer, die adventliche Gestalt schlechthin, hat auf ihn hingewiesen: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“ (Joh 1. 23). Im Dienst dieser Botschaft steht heute die Kirche. Sie hat kei-ne andere Aufgabe als die, die damals Johannes zugekommen ist, nämlich auf den Herrn hinzuweisen, der im Kommen ist. Die Kirche hat deshalb ihren Grund nicht in sich selbst, sondern jenseits ihrer selbst im kommenden Herrn. Ohne diesen adventlichen Glauben an Christus wäre die Kirche nichts anderes als ein kurioser Verein. Die Kirche aber ist die Gemeinschaft von Menschen, die überzeugt sind, dass das Entscheidende in ihr nicht von uns Menschen her geschieht, sondern von Christus her.
Dies der kirchlichen Gemeinschaft immer wieder in Erinnerung zu rufen, dazu gibt es in ihr das geweihte Amt des Diakons, des Priesters und des Bischofs, das nicht eine Sache der Delegation vonseiten der Gemeinde sein kann, sondern der sakramentalen Sendung durch Christus ist. Am deutlichsten wird dies in der Feier der Eucharistie, die eine Gabe Gottes ist und deshalb auf radikale Weise die Vollmacht der Gemeinde übersteigt. Keine Gemein-de kann sich selbst die Eucharistie geben, sie kann sie vielmehr nur von Christus her durch die Vermittlung der Kirche empfangen. Dass es deshalb zur Feier der Eucharistie des priesterlichen Diens-tes bedarf, diese Grundüberzeugung unserer Kirche hat Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika über die Eucharistie in Erinnerung gerufen: Um wirklich „eucharistische Versammlung sein zu können“, benötigt die Gemeinde, die zur Feier der Eucharistie zusammenkommt, unbedingt den Priester, der ihr vorsteht .
Sorge um neue Priesterberufungen
Als Bischof erfüllt es mich mit Sorge und Schmerz, dass wegen des grossen Priestermangels viele Pfarreien heute nicht mehr an jedem Sonntag die Eucharistie feiern können. Sie ist aber seit den ältesten Zeiten der Kirche der Sonntagsgottesdienst schlechthin. Sie ist Quelle, Mitte und Höhepunkt des kirchlichen Lebens. In dieser grossen Sorge haben wir Schweizer Bischöfe beschlossen, das kommende Jahr 2005 der Besinnung auf die Notwendigkeit des priesterlichen Dienstes in der Kirche und dem Gebet um neue Priesterberufungen zu widmen.
Damit ist in keiner Weise eine Abwertung der anderen kirchlichen Dienste verbunden. Ihre Förderung wird vielmehr im Jahr 2006 im Mittelpunkt stehen. Aber wie beispielsweise ein Kirchenchor, dem vor allem Bass-Stimmen fehlen, sich veranlasst sieht, in besonderer Weise für diese Stimmen zu werben, ohne die anderen abzuwerten, so sind auch wir Bischöfe in die Pflicht genommen, uns für neue Priesterberufungen einzusetzen, weil uns im Chor der kirchlichen Dienste vor allem diese Stimmen fehlen.
Ich bitte Sie, liebe Schwestern und Brüder, auch um Ihre Mitverantwortung. Denn bei der Weckung neuer Priesterberufungen und bei der Berufungspastoral über-haupt kommt den Pfarreien eine unersetzliche Aufgabe zu. Zu einer sich sorgenden Pfarrei gehört, dass sie sich um ihre Zukunft Sorgen macht und auch um die Weckung neuer Berufungen kümmert. Ich stelle in vielen Pfarreien noch immer ein unbekümmertes Anspruchsdenken fest: Pfarreien erwarten vom Bischof selbstverständlich, dass er ihnen einen Priester zur Verfügung stellt. Aber fragen sie sich auch in genügendem Masse, ob sie in ihren Pfarreien junge Menschen zum kirchlichen und speziell priesterlichen Dienst ermutigen und dem Bischof zur Verfügung stellen?
Alle Glieder der Kirche ohne Ausnahme haben Mitverantwortung der Sorge um die Berufungen. Der heutige Priestermangel enthält deshalb auch die Rückfrage an die Pfarreien und an die einzelnen Gläubigen, ob sie ihr eigenes Christwerden und Christsein als ihre Berufung verwirk-lichen und als Getaufte leben. Nur wenn wir die elementare Berufung zum Christsein in ihrer Tiefe und ihrer Strahlkraft wiederentdecken, wird es auch wieder mehr Berufungen zum geistlichen Leben und zum kirchlichen Dienst geben. Nur aus der Quelle des neuen Lebens, das in der Taufe uns mitgeteilt ist, erfliessen die Charismen, Dienste und Ämter in der Kirche.
Adventliche Zeichen von Weihe und Ehelosigkeit
Unsere Kirche braucht Priester; und Priester können letztlich nur durch Priester ersetzt werden. Mit Sorge stelle ich fest, dass diese Überzeugung in den vergangenen Jahren dem Bewusstsein vieler Gläubigen entschwunden ist. Nicht selten wird etwas despektierlich behauptet, das Priestertum sei ohnehin ein „Auslaufmodell“. Andere halten die Zeit für gekommen, dass auch die katholische Kirche inskünftig auf Priester überhaupt verzichten soll, weil sie erst dann ganz in eine Demokratie umgewandelt sein wird, wenn es keinen Unterschied mehr zwischen Laien und Priestern gibt. Wieder andere sähen die Lösung des bedrängenden Priestermangels fast ausschliesslich in veränderten Zulassungsvoraussetzungen zum Priestertum.
Dass hinter den heute immer wieder erhobenen Forderungen nach auch verheirateten Priestern echte pastorale Sorgen stehen, ist für mich ohne Zweifel. Ebenso mit Recht kann man daran erinnern, dass unsere Kirche in ihrem eigenen Bereich, nämlich in einigen katholischen Ostkirchen, auch verheiratete Priester kennt. Dennoch hält unsere Kirche in der lateinischen Tradition entschieden an der Ehelosigkeit des Priesters fest, und zwar aus guten Gründen. Denn mit der Weihe und dem Versprechen des ehelosen Lebens weist der Priester auf die kommende Welt, auf das von Jesus Christus verheis-sene Reich Gottes hin, das im Kommen ist. Mit seinem ganzen Leben verdeutlicht er der Kirche, dass sie in dieser Welt keine bleibende Beheimatung hat, sondern dass sie als Volk Gottes auf ihrer irdi-schen Wanderschaft unterwegs zu ihrer wahren Heimat im Reiche Gottes ist. Der Priester ist deshalb in besonderer Weise berufen, wie Johannes der Täufer auf den kommenden Christus hinzuweisen und die Kirche daran zu erinnern, dass sie immer im Advent lebt.
Diese adventliche Lebensweise kann für den Priester selbst hart werden. Noch mehr ist sie für viele Menschen unserer Zeit ein Ärgernis. Denn Menschen, die die Erfüllung ihres Lebens oft nur noch in dieser irdischen Zeit sehen, können in der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen nur noch eine Narretei erblicken. Es ist kein Zufall, dass das Zeichen eines um Jesu Christi willen ehelosen Lebens gerade in der heutigen weithin am Irdischen orientierten Zeit kaum mehr verstanden wird. Umso wichtiger freilich ist dieses Lebenszeugnis. Wer sich heute zum Priestertum berufen weiss, muss diese Lebensform wagen und ist darauf angewiesen, von den Glaubenden und den Pfarreien mitgetragen und ermutigt zu werden. Denn Priesterberufungen können nur in einem kirchlichen Umfeld gedeihen, in der das Zeichen der Ehelosigkeit verstanden und mitgetragen wird.
Das Jahr der Priesterberufungen will ein Jahr der Besinnung auf die Notwendigkeit des priesterlichen Dienstes in unserer Kirche sein, ein Jahr des Gebetes um neue Priesterberufungen und ein Jahr der Ermutigung von jungen Menschen, auf den Ruf Jesu Christi zu hören und diese auch heute schöne Berufung zu leben. Wir beginnen in unserem Bistum dieses besondere Jahr bewusst mit der Adventszeit, die uns zu intensiver Wachsamkeit in unserer Verantwortung herausfordert, wie dies Jesus im heutigen Evangelium ausspricht: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“ (Mt 24. 42).
Indem ich Sie ermutige, auf die Stimme des kommenden Herrn in Ihrem persönlichen Leben und in der kirchlichen Gemeinschaft zu hören, verbleibe ich zusammen mit meinen Weihbischöfen Martin und Denis mit herzlichen Segenswünschen für eine besinnliche Adventszeit als Ihr
+ Kurt Koch
Bischof von Basel
Erste Lesung: Jes 2. 1-5
Zweite Lesung: Röm 13. 11- 14a
Evangelium: Mt 24. 37-44