23. September
Sonntagmorgen
ich schaue aus dem Fenster
eine Familie auf dem Weg
zur Kirche - wie jeden Sonntag
die Jugendliche mit einem
mürrischen Gesicht
Erinnerungen werden wach
an Sonntags-Pflichten
wie gut kann ich den
Gesichtsausdruck
des Mädchens verstehen
würde sie doch vielleicht
lieber länger schlafen
ich dachte, die Zeit der Pflichten
am Sonntag sei vorbei
aber vieles erinnert doch daran
wie ich es kannte
man ging zur Kirche
was sollte sonst der Pastor denken
Mädchen trugen Sonntagskleider
Jungen Schlipse zum Jackett
sonst schauen die Leute
(ich dachte: lass sie doch schauen)
Spaziergang mit der Familie war angesagt
ob es uns gefiel oder nicht
Zusammenhalt wurde demonstriert
Streit blieb hinter verschlossenen Türen
Mittagessen verbunden mit viel Arbeit
weisse Tischdecke zum Goldrandgeschirr
Braten mit Sosse und Vorlegebesteck
Nachtisch in gläsernen Schüsselchen
Abwasch später ohne Ende
am “heiligen“ Sonntag
nichts mehr hören und sehen
möchte ich heute davon
sind die Zeiten endlich vorbei
der Pflichten -
die niemandem nützten
heute schlafe ich aus - wenn ich will
trage Kleidung, die ich mag
esse und trinke, worauf ich Appetit habe
und tue nicht mehr
was “man“ tut, sondern
... was ich mag.
Karin Ernst, 2002